Tipps für Eltern von Schülerinnen und Schülern



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Fehler, die Eltern machen

"Vergleiche nie ein Kind mit dem andern,
sondern jedes nur mit sich selber.
Johann Heinrich Pestalozzi

Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen.
Augustinus zugeschrieben,
auch wenn es keinen Originalbeleg dafür gibt.

 

Schon früh werden Kinder heute damit konfrontiert, dass es nur der im Leben zu etwas bringt, der sich in dem bestehenden Schulsystem gut zurechtfindet und sehr gute bis ausgezeichnete Leistungen und Noten vorweisen kann. Kinder belasten solche Erwartungen und Anforderungen, denn so sehr es einerseits verständlich ist, dass Eltern ihre Kinder durch die Schule auf eine vorwiegend leistungsorientierte Gesellschaft vorbereitet sehen wollen, empfinden es andererseits viele Kinder mitunter als bedrohlich, was alles von ihnen erwartet wird, sodass die ursprünglich vorhandene Freude und Begeisterung, die Kinder beim Erforschen von Zusammenhängen und neuen Wissenswelten antreiben, schnell verloren gehen.

Eltern fragen auch meist nach Schulleistungen und interessieren sich wenig bis gar nicht für Unterrichtsinhalte, wodurch Eltern ihren Kindern als negative Vorbilder dienen. Kinder verinnerlichen diese Desinteresse oder Interesse, das ihre Eltern vorleben. Erleben Kinder ihre Eltern bei einer Lektüre, bei E-learning, bei einer Fortbildung wird Lernen zur Selbstverständlichkeit, d. h., dann spüren Kinder, dass die Erwachsenen sich für diese Tätigkeiten wirklich interessieren und engagieren. Kinder haben häufig den Eindruck, dass Erwachsene ohnehin alles wissen, denn LehrerInnen haben das Wissen, das sie vermitteln, Eltern können auf die meisten Fragen antworten, ohne sich informieren zu müssen. Doch in Wahrheit benötigen und nutzen auch Erwachsene ihre Informationsquellen, und um ihrem Kind auch ein Lernvorbild zu sein, sollten Eltern so häufig wie möglich vor bzw. gemeinsam mit ihm nach Informationen suchen.

Es gibt im Zusammenhang mit dem Lernen für Schule zahlreiche Fehler, die Eltern gerade dann machen, wenn sie ihrem Kind mit ihrer Aktivität helfen wollen und mit ihrer guten Absicht oft das Gegenteil erreichen. Das ist auch in der Erziehung generell häufig der Fall und hängt damit zusammen, dass es psychologische Gesetzmäßigkeiten gibt, die dadurch verletzt werden.

Der Wechsel-Fehler

Viele Eltern geben ihrem Kind willkürlich Aufgaben aus dem Deutsch- oder Grammatikbuch oder kaufen ihren Kindern immer wieder einzelne Lernhefte. Eigentlich gut gemeint. Doch jedes neue Übungsbuch, jedes Lernheft, jede neue Nachhilfe oder jede neue Übung mit dem Kind bedeutet in der Regel auch einen Wechsel der Lernmethode. So kann ein Kind sich nicht auf eine Methode einstellen, und der Prozess der Automatisierung wird unterbrochen.

Der Überlagerungs-Fehler

Häufig üben Eltern mit ihren Kindern Schreibenlernen ähnliche Buchstaben (b-d-p-q, m-n) zeitlich zu eng beieinander. Doch so überlagern sich ähnliche Buchstaben im Gehirn, und die Kinder brauchen viel zu lange, um die Buchstaben richtig zu speichern. Die Ursache dafür liegt in dem vor über 100 Jahren vom ungarische Psychiater Paul Ranschburg entdeckten "Gesetz der Ähnlichkeitshemmung": Zu ähnliche Inhalte vermischen bzw. überlagern sich beim Lernen und Wiedergeben, wodurch Störungen entstehen, die den Lernvorgang und das spätere Erinnern hemmen. Er empfahl, dass solche Inhalte getrennt und mit zeitlichem Abstand vermittelt und gelernt werden sollten. Wenn ähnliche Inhalte zur selben Zeit wahrgenommen, also z. B. gehört oder gelesen werden, oder auch bei einer Prüfung wiedergegeben werden müssen, dann führt das zu einer Art wechselseitiger Blockade der Gedanken, da diese im Gehirn beinahe gleichzeitig oder kurz hintereinander dieselben "Gedankensplitter" in Anspruch nehmen.

Übrigens: dass manche Menschen später im Leben Probleme mit "rechts" und "links" bzw. der Zuordnung der beiden Seiten haben, ist ebenfalls auf ein gleichzeitiges Erlernen mit gedankenlosen Hilfen wie "Rechts ist, wo der Daumen links ist" zurückzuführen!

Hertha Beuschel-Menze beschreibt auf einem Informationsblatt die weitgehende Unkenntnis von Unterrichtenden gegenüber der Ranschburgschen Hemmung und wie dieses psychologische Grundwissen im Unterricht missachtet wird, sodass zahlreiche "Lernprobleme" hausgemacht werden, die sich bei Kenntnis dieses Phänomens verhindert werden können. Sie schreibt: "Viele Jahre meines Lehrerinnenlebens habe ich zugebracht, ohne mir über die Ähnlichkeitshemmung, auch bekannt als das Ranschburg-Phänomen, Gedanken zu machen. Und in meinen zahlreichen Gesprächen mit Lehrer/innen bei Seminaren, Pädagogischen Tagen, am Messestand ist mir klar geworden, dass es sehr wenige Lehrerinnen und Lehrer gibt, die sich damit ernsthaft auseinandersetzen. Die Schulbücher sind ja sowieso voll von gravierenden Verstößen gegen das Gesetz der Ähnlichkeitshemmung. Man kann kaum ein Buch und kaum eine Kartei unbereinigt verwenden, wenn man erst einmal darauf aufmerksam geworden ist". Auf diesem Informationsblatt finden sich zahlreiche Beispiele, welche einschlägigen Fehler LehrerInnen in ihrem Unterricht machen, auch wenn sie sich auf langjährige und in Schulbüchern weitergegebene Traditionen verlassen, etwa beim Erlernen des Wortes „Wiedergabe“: "Meine Lehrer haben mir – wie alle Lehrer in diesem unserem Lande – klargemacht, dass „noch-einmal-wieder“ mit „ie“ und „entgegen-wider“ mit „i“ zu schreiben ist. Dann haben sie mich viele schöne Entscheidungsübungen machen lassen, wo ich dann 7-mal „wieder“ und 6-mal „wider“ einsetzen musste, mit dem Erfolg, dass ich heute noch, nach 40 Jahren, immer überlegen muss, ob „ie“ oder „i“. Hätten die Lehrer auf diese hirnrissigen übungen verzichtet, mir stattdessen immer wieder nur die „Wider“wörter vor Augen geführt, dann müsste ich heute nicht jedes Mal nachdenken, sondern könnte ganz spontan hinschreiben. Die Regeln, die ich mir so mühsam gemerkt habe, lassen mich leider auch im Stich, denn kommt „Wiedergabe“ nicht genauso entgegen wie „Widerhall“? Warum schreibt man’s dann nicht mit „i“ ? Oder: „äu“ kommt von „au“ und was nicht von „au“ kommt, schreibt man mit „eu“: Bäume – Baum, Fräulein – Frau … aber „Säule“ kommt doch nicht von „Sau“ und, hat ein Kind mal zu mir gesagt, der Teufel ist nicht getauft, also „Täufel“! (…)

ä-Wörter kann man durchaus üben, indem man sie von a-Wörtern ableitet, warum nicht, aber doch um Gottes Willen nicht, indem man sie neben e-Wörtern aufführt. Auf der Karteikarte, die ich hier liegen habe, steht zum Beispiel: Setze in die Mehrzahl: das Zelt, der Ball, der Wald, der Fleck … im Heft steht dann noch Zelte, Bälle, Wälder, Flecken …, doch man wundert sich, warum man im nächsten Diktat „die Zälte“ lesen muss."

Ein Beispiel aus dem Mathematikunterricht: "Im Mathebuch steht zum Beispiel erklärt, wie man am schnellsten addiert:
6 + 3 = 9
16 + 3 = 19
26 + 3 = 29 …
Das ist schon in Ordnung, aber direkt darunter steht:
6 + 3 = 9
60 + 30 = 90
600 + 300 = 900 …
So, und jetzt weiß keiner mehr, was Sache ist. Diese Hilfen wären schon recht, aber bitte nicht direkt nacheinander. Oder ein anderes Beispiel: Wir bringen den Drittklässlern die schriftliche Addition so bei: sprich: 6 plus 2 gleich 8, schreibe 8 – und, kaum begriffen, auf der nächsten Seite die Subtraktion: sprich: 6 plus wie viel gleich 8, 6 plus 2 gleich 8, schreibe 2.

Lehrer/innen einer dritten Klasse können Ihnen bestätigen, dass fast alle Kinder (ich glaube: alle) jetzt alles durcheinander schmeißen und anstatt der 2 als Ergebnis die 8 schreiben. Oder es wird erklärt: „kilo“ bedeutet das Tausendfache, „milli“ bedeutet ein Tausendstel. Ein Millimeter also … ein Kilometer also … und keiner weiß Bescheid!"

Beispiele für Englisch: "Warum fragt sich kein Englischlehrer, weshalb wohl seine Schüler „their“ und „there“ – „were“ und „where“ – und so weiter ständig verwechseln? Weil man sie extra noch darauf hingewiesen hat, dass sie’s ja nicht verwechseln sollen, anstatt das Wort in seinem Sinnzusammenhang zu üben und Verwechslungen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Manchmal lässt sich eine Verwechslung nicht vermeiden, wie zum Beispiel bei „who“ (Englisch) – „wo“ (Deutsch) und „where“ (Englisch) – „wer“ (Deutsch); man nennt das false friends. Da muss man eben mit einprägsamen Eselsbrücken arbeiten, also die Sinne einschalten, indem man zum Beispiel jedesmal, wenn „who“ auftaucht, Erschrecken mimt: „Huh!“ (Who is it? Huh! Der schon wieder!) Das prägt sich dann ein. Das ist zwar auch die Ähnlichkeitshemmmung „who – Huh!“ – aber hier positiv als Eselsbrücke verwendet.

Auch Deutsch und seine Rechtschreibung ist eine wahre Fundgrube für die Ähnlichkeitshemmung, vor allem im Zusammenhang mit der neuen Rechtschreibung: "In welchem Schülerbuch wird nicht das d und t, b und p, g und k nebeneinander gestellt? Um das Maß voll zu machen: Ich habe auf einem Arbeitsblatt für Erstklässler doch wahrhaftig die Entscheidung d oder b gesehen. Ein Wunder, dass nicht alle Kinder Analphabeten werden! Die Entscheidung s – ss – ß, das fällt uns doch gar nicht mehr auf! Auffallend ist allerdings, dass kaum ein Mensch das heute mehr sicher schreiben kann! ä oder e, s oder sch, chs – gs – ks – cks … oder das und dass …".

Hertha Beuschel-Menze beschreibt auf ihrem Informationsblatt aber auch, wie man es richtig macht, und zwar, indem man keine Zweifel aufkommen lässt und streng darauf achtet, nur ja nichts Ähnliches nebeneinander darzustellen, und Regeln erst dann an die Hand gibt, wenn ein Kind schon eine große Sicherheit erlangt hat: "Es muss doch jedem Lehrer aufgefallen sein, dass die simple Regel „Alles, was man durch dieses – jenes – welches ersetzen kann, heißt das, alles andere heißt dass“ überhaupt nicht funktioniert. Von 25 Kindern begreift das vielleicht eines und das auch nur, weil es so sicher in Rechtschreibung ist, dass man nichts bei ihm kaputt machen kann. Wie also? „dass“ wird geübt, indem man Sätze sucht, übt, betrachtet, die „dass“ enthalten:

Es ist schön, dass …
Es könnte sein, dass …
Ich hoffe, dass …
Und wenn das dann „sitzt“, dann ist doch sowieso klar, dass alle anderen „das“ sein müssen, darauf brauche ich nicht hinzuweisen. Irgendwann wird das Kind die Regel „Alles, was man …“ verkraften können – nur: dann braucht es die nicht mehr!"

Wenn Eltern die hier beschriebenen oder ähnlichen Übungen bei den Hausaufgaben ihrer Kinder entdecken, dann sollten sie sich nicht scheuen, die LehrerInnen beim nächsten Gespräch darauf hinzuweisen, wobei natürlich darauf geachtet werden sollte, nicht den Eindruck zu erwecken, den LehrerInnen "ins Handwerk pfuschen" zu wollen. Eine Frage nach dem hier beschriebenen Phänomen sollte genügen …

Siehe dazu den Lerntipp Der Kampf der "Gedankensplitter".

„Mach‘ endlich deine Hausaufgaben!“ ist kontraproduktiv

Eltern sollten ihr Kind nicht ständig ans Lernen erinnern, da dies möglicherweise den Lernerfolg des Kindes beeinträchtigen kann. Eine wissenschaftliche Studie von Nobbe et al. (2024) ergab, dass Kinder, die regelmäßig Erinnerungen zum Lernen erhielten, tatsächlich weniger lernten als Kinder, die eigenständig ohne Erinnerungen lernten. Diese Untersuchung legt nahe, dass, je häufiger Eltern ihre Kinder ans Lernen erinnern, desto weniger motiviert sind die Kinder, eigenständig zu lernen. Es ist daher wichtig, dass Eltern ihren Kindern die Verantwortung für ihren Lernprozess übertragen und sich zurückhalten, um sicherzustellen, dass ihre Kinder eigenständig lernen können. Weniger Erinnerungen können dazu beitragen, dass Kinder selbstständiger werden und sich mehr auf ihre Aufgaben konzentrieren. Letztendlich zeigt die Studie, dass Kinder sowohl mit als auch ohne Erinnerungen ähnlich gute Lernleistungen erbringen können. Es wird betont, dass ein Vokabeltest nicht über den gesamten Bildungsweg eines Kindes entscheidet und dass auch schlechte Noten als wichtiger Weckruf dienen können.

Praktische Tipps für Eltern in dieser Situation finden sich hier, etwa auch der etwas kurios klingende Batman-Effekt!

Der Nachhilfe-Fehler

Nachhilfe ist kein Allheilmittel gegen schlechte Schulleistungen, denn für diese kann es viele Ursachen geben, und wenn diese nicht geklärt bzw. beseitigt werden, wird der Nachhilfeunterricht kaum sein Ziel erreichen. Eine gute oder schlechte Schulleistung kommt nämlich nicht nur durch Intelligenz, Begabung und Fleiß zustande, sondern auch durch den Einfluss der familiären und schulischen Rahmenbedingungen. Bevor man sich für Nachhilfe entscheidet, gilt es also die Ursachen für die schlechten oder sich verschlechternden Leistungen herauszufinden. Nachhilfe ist angeraten, wenn ein Kind durch einen Umzug oder eine längere Krankheit Unterricht versäumt hat. Manchmal liegen die Gründe für einen Leistungsabfall auch in der Familie (Todesfall, Scheidung). Der Nachhilfelehrer erkennt in der Regel die Schwächen des Kindes und möchte sie abstellen, sodass in den Nachhilfestunden oft mehrere Lernschritte gleichzeitig eingeführt werden. Durch Zeitknappheit warten einige Nachhilfelehrer nicht lange genug, bis das Kind einzelne Lernschritte automatisiert hat.

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Literatur

Beuschel-Menze, H.  (2008). Das Ranschburg-Phänomen, die Ähnlichkeitshemmung oder Nichts Neues von Herrn Huber. WWW: http://www.aol-verlag.de/aol2001/ 200_service/200_download/i101.pdf (08-02-04)

Nobbe, Lea, Breitwieser, Jasmin, Biedermann, Daniel & Brod, Garvin (2024). Smartphone-based study reminders can be a double-edged sword. Science of Learning, 9, doi:10.1038/s41539-024-00253-7.
Stangl, W. (2024, 24. Juli). „Mach‘ endlich deine Hausaufgaben!“ ist kontraproduktiv.Lerntipps: Die Neuigkeiten.
https://lerntipps.lerntipp.at/mach-endlich-deine-hausaufgaben-ist-kontraproduktiv.



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