Das Erkennen von Begabung

Jede Begabung, die ein Kind mit auf die Welt bringt, ist zunächst nur so etwas wie eine Möglichkeit, also etwas, woraus sich eine besondere Fähigkeit später entwickeln kann, d.h., diese Fähigkeit ist noch nicht ausgebildet. Grundlage für Talente und Begabungen ist die Tatsache, dass bei jedem Menschen am Beginn der Gehirnentwicklung viel mehr Vernetzungen in den verschiedenen Bereichen des Gehirns aufgebaut und bereitgestellt werden, als später notwendig sein werden, wobei in der Phase der Pubertät etwa ein Drittel dieser vorhandenen Vernetzungen wieder verschwindet. Eltern müssen bedenken, dass man Begabungen grundsätzlich nicht fördern kann, sondern man kann sie nur entdecken, und wenn man eine besondere Begabung entdeckt hat, kann man sein Kind dazu ermutigen, es auch zur Entfaltung zu bringen, sodass es aus dieser Begabung dann auch eine besondere Fähigkeit macht.
Eltern sollten ihren Kinder dazu eine kompetente Begleitung anbieten, dafür günstige Rahmenbedingungen schaffen und auch das Kind vor ungünstigen Einflüssen schützen, die es an der Entfaltung seiner besonderen Begabung behindern könnten, etwa Entmutigungen und Abwertungen vermeiden.
Man kann auch kein Kind zwingen, die in ihm verborgenen Begabungen zu entfalten, sondern man kann ein Kind nur dazu einladen, ermutigen und inspirieren, was in der Regel nur dann gelingt, wenn man das Kind liebt, wenn es einem wichtig ist, wenn man sich mit ihm verbunden fühlt, wenn man möchte, dass es hervorbringt, was in ihm steckt. Dabei sollten Eltern nicht versuchen, aus dem Kind etwas machen wollen, was sie selbst für wichtig halten, sondern sie sollten herausfinden, was für das Kind bedeutsam ist.

Das Erkennen von Hochbegabung

Der Glaube an natürliche Begabungen ist in den Menschen fest verankert und heute verfügt die Wissenschaft über genauere Methoden, diesen auch auf die Spur zu kommen, doch bisher existiert kein überzeugender Beweis, dass besondere Fähigkeiten angeboren sind. So zeigte eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung an MusikstudentInnen, dass jene StudentInnen, die am härtesten trainierten, in den Augen der Professoren als besonders begabt galten. Dabei haben sie lediglich mehr dafür getan, die Grenzen ihres Könnens auszuweiten und auch die Analyse der Gehirne von Profimusikern erbrachte keine Beweise für angeborene Unterschiede. Ähnliche Ergebnisse fand man auch in so unterschiedlichen Bereichen wie dem Ausdauerlauf, Fußball, Ski-Langlauf und Schachspiel. Auch hier gilt, dass die "Hochbegabten" einfach mehr für ihre Begabungen getan hatten als andere Menschen.

Sicherheit über eine Hochbegabung kann nur ein Test schaffen, denn mit einem Intelligenzstrukturtest lassen sich die individuellen geistigen Bedürfnisse der Kinder ermitteln. Die normale Intelligenz liegt im Bereich von 95 bis 100, ab 115 spricht man von überdurchschnittlicher Intelligenz, und ab 130 liegt eine intellektuelle Hochbegabung vor. Dabei sollte man sich an einen geschulten Psychologen zu wenden, denn bei jungen Kindern müssen viele Erfahrungen vorliegen, um die Ergebnisse richtig zu interpretieren, wobei relevante Ergebnisse die Tests aber erst ab einem Alter von fünf Jahren liefern. Gibt es Geschwister, sollten auch diese getestet werden, denn besondere Begabungen entwickeln sich durch die Interaktion von Anlage und Umwelt, sodassi es nicht unwahrscheinlich ist, dass bei der Schwester oder dem Bruder ebenfalls eine hohe Begabung vorliegt. Das Testen aller Kinder einer Familie kann auch verhaltensunauffälligere Hochbegabte zu Tage fördern, wobei vor allem Mädchen dazu tendieren, ihre Begabung zu verstecken, weil es ihnen besonders wichtig ist, in den Sozialverband integriert zu sein.

Im Zusammenhang mit Hochbegabung zeigt sich, dass Eltern ihre Kinder häufig überschätzen. Das liegt daran, dass die meisten Menschen dazu neigen, alles, was sie selbst betrifft, positiver und optimistischer zu sehen, als es den Fakten entspricht. Im Rahmen einer Studie in den USA legten Psychologen 78 Eltern von zwei- bis fünfjährigen Kindern einen Fragebogen mit zwanzig Eigenschaften vor und baten diese anzukreuzen, welche Eigenschaften auf ihr Kind und auf sie selbst zutreffen. Außerdem sollten die Eltern ein durchschnittliches Kind selben Alters mit diesen Eigenschaften beschreiben. Beinahe alle Eltern hielten ihre Kinder für weit besser als den Durchschnitt, nur wenige TeilnehmerInnen schätzten ihren Nachwuchs realistisch ein. Dass die Eltern ihre Kinder so positiv sehen, hängt deutlich mit ihrer eigenen Selbstüberschätzung zusammen, wobei sie diese "positive Illusion" über sich selbst auch auf ihre eigenen Kinder übertragen. Allerdings hat diese Selbstüberschätzung für Eltern und Kinder einen klaren Vorteil, denn die Kinder können anstellen, was sie wollen: sie können sich der elterlichen Zuwendung sicher sein. Eltern sind daher immer überzeugt, die besten aller Kinder zu haben.

Allerdings reicht eine reine Diagnostik des Intelligenzquotienten (IQ) nicht aus, um das Begabungsprofil eines Kindes vollständig zu erfassen. Es muß auch darauf geachtet werden, wie das Kind im sozialen und emotionalen Bereich entwickelt ist. Der IQ sollte daher nicht überbewertet werden, denn er sagt sicherlich einiges, aber nicht alles über ein Kind aus.

Der erste Schritt für die Eltern ist bei der Feststellung von Hochbegabung, mit dem Kind nicht mehr altersentsprechend, sondern dem Intellekt nach umzugehen. Ab einem IQ von 130 sind Kinder eineinhalb bis zwei Jahre geistig weiter, als sie biologisch sind. Eltern, die ihr Verhalten nicht anpassen, laufen Gefahr, ihre Kinder zu unterfordern. Man muss daher die Rahmenbedingungen verändern, damit das Kind besser aufpasst und sich gefordert fühlt, denn sonst fehlt den Kindern durch die latente Langeweile die Motivation, sich mit schulischen Inhalten zu identifizieren. Integrative Förderung im Grundschulbereich oder das Überspringen einer Klasse können dem Kind die geistige Nahrung bieten, die es benötigt. Auch der Austausch mit ähnlich intelligenten Kindern bringt oft Vorteile, denn diese Kinder sind oft weiter als andere, und treffen sie aber aber mit Gleichgesinnten zusammen, fühlen sie sich oftmals wohler. Bei allem Einsatz für ein hoch begabtes Kind sollten Eltern aber die weniger begabten Geschwister nicht vergessen, damit es nicht zu Eifersüchteleien kommt.

Siehe auch Intelligenz und Hochbegabung

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Die Identifikation einer Hochbegabung

ist ein sehr komplexer und dynamischer Prozess, bei dem neben Begabungsmerkmalen, Begabungsrichtungen auch nichtkognitive Persönlichkeitsmerkmale und Umweltfaktoren (Kindergarten, Familie, Schule) mit einzubeziehen sind. Neben der testpsychologischen Differenzialdiagnostik sind folgende Beobachtungskriterien als erste Hinweise für Hochbegabung relevant (von verschiedenen Autoren benannt):

Hochbegabten fehlen oft Routinen

Viele Hochbegabte machen in den ersten Schuljahren die Erfahrung, dass sie sich auf Grund ihrer schnellen Auffassungsgabe nicht besonders anstrengen müssen, um die vorgetragenen Inhalte zu verstehen. Das führt dazu, dass sie Aufgaben, die Wiederholungen und Auswendiglernen erfordern, als äußerst langweilig empfinden und sie sich oft vor ihnen drücken oder diese nur halbherzig erledigen. Dadurch versäumen sie aber, feste Routinen, Arbeitsgewohnheiten und -techniken zu entwickeln, die aber später bei komplexeren Aufgaben, wo es zwar auch auf das Verstehen ankommt, zur Lösung notwendig sind. Viele Lerninhalte müssen im Laufe der Schulzeit nicht nur einmalig verstanden, sondern auch routiniert beherrscht und im Langzeitgedächtnis verankert werden. Diesen hochbegabten Kindern fehlt daher später dieses Routinearsenal, denn es ist schwierig, beim Lösen von Integralrechnungen noch einmal schnell die grundlegende Mathematik "neu" herzuleiten.


Quellen:
[stangl] test: intelligenz und hochbegabung
Gerald Hüther in einem Gespräch mit den OÖN vom 8. September 2012.
Schulspiegel (08-04-17)
Testintelligenz hochbegabt
(08-04-17)

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