Schulen scheinen auf den ersten Blick erfunden worden zu sein,
um ein Milliardengeschäft mit Nachhilfe machen zu können.
Wolfgang Liegle
Jetzt ist es passiert! Der Fünfer oder Sechser - je nach Notenskala - droht. Die erste Reaktion - das ist verständlich - ist sowohl bei Eltern und Kindern Betroffenheit, manchmal Scham. Eltern schicken ihre Kinder dann zur Nachhilfe in der Hoffnung, dass durch gezielte Förderung das Kind wieder zurück in die Spur findet. Die Nachfrage ist deshalb so groß, denn zum einen wünschen sich Eltern für ihre Kinder einen möglichst hohen Schulabschluss, um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, was in vielen Fällen dazu führt, dass Kinder in den Höheren Schulen überfordert sind. Zum andern ist das Vertrauen der Eltern in das Bildungssystem nicht erst seit der Pisa-Studie zurückgegangen. Eltern, insbesondere berufstätige Mütter, haben heute viel weniger Zeit als früher, sich um die Aufgaben ihrer Kinder zu kümmern. Durch die steigende Zahl der Einzelkinder fällt auch die Hilfe von älteren Geschwistern weg; Großeltern sind auf Grund der gegenüber früher wesentlich erweiterten Stofffülle meist überfordert.
Die Quote der Schüler mit Nachhilfeunterricht liegt nach verschiedenen Schätzungen zwischen 20 und 30 Prozent, wobei manchmal auch vom Bildungs-Reparaturbetrieb gesprochen wirdn , wobei alle beteiligten Gruppen mit Schuldzuweisungen schnell bei der Hand sind: LehrerInnen verweisen auf dumme und faule SchülerInnen, die oft im falschen Schultyp sitzen und deshalb den Anforderungen nicht gerecht werden können. SchülerInnen und Eltern beklagen sich über unfähige LehrerInnen und deren Mangel an pädagogischen Qualitfikationen. Die Schule als Institution schiebt die Schuld auf die nicht mehr intakten Familienstrukturen, begründet meist mit der Berufstätigkeit beider Elternteile oder auch ehrgeizigen Eltern, die die intellektuellen Fähigkeiten ihrer Kinder falsch einschätzen. Machen verweisen sie auf die mannigfaltigen Ablenkungen durch die Freizeit und insbesondere der neuen Medien, die das Leben der Kinder un Jugendlichen immer mehr dominiert.
Nachhilfe ist prinzipiell kein Allheilmittel gegen schlechte Schulleistungen, denn für diese kann es viele Ursachen geben, und wenn diese nicht geklärt bzw. beseitigt werden, wird der Nachhilfeunterricht kaum sein Ziel erreichen. Eine gute oder schlechte Schulleistung kommt nämlich nicht nur durch Intelligenz, Begabung und Fleiß zustande, sondern auch durch den Einfluss der familiären und schulischen Rahmenbedingungen. Bevor man sich für Nachhilfe entscheidet, gilt es also die Ursachen für die schlechten oder sich verschlechternden Leistungen herauszufinden.
Nachhilfe bedeutet aber nicht, dem Schüler oder der Schülerin Arbeit abnehmen, sondern Nachhilfe bewirkt eher das Gegenteil: Nachhilfe macht zusätzliche Arbeit.
Nachhilfe ist angeraten, wenn ein Kind durch einen Umzug oder eine längere Krankheit Unterricht versäumt hat. Manchmal liegen die Gründe für einen Leistungsabfall auch in der Familie (Todesfall, Scheidung) beeinträchtigen Konzentration und Aufnahmefähigkeit. Ein Nachhilfelehrer kann auch dann Wissenslücken schließen, wenn Kinder durch häufigen Lehrerwechsel, Unterrichtsausfall oder eine zu große Klasse aus dem Tritt kommen. Wichtig ist, dass das Kind sich selbst zur Nachhilfe motivieren kann, denn sonst sind die Erfolgsaussichten gering. Die Nachhilfe sollte auch nicht zu lange andauern, nach sechs bis neun Monaten sollten Fortschritte erkennbar sein. Öfter als zwei Mal in der Woche sollten Kinder nicht zum Nachhilfe-Unterricht geschickt werden! Eltern sollten aber auch überlegen, was die Ursachen für die schlechten Leistungen sind. Stets ist der Klassenlehrer erster Ansprechpartner, denn er kennt die Stärken und Schwächen des Kindes. Hapert es in mehreren Fächern, ist ein Kind vielleicht generell mit den Anforderungen überfordert. Dann sollte man überlegen, ob es nicht besser die Schulform wechselt. Hat ein Kind eine Lese-, Schreib- oder Rechenschwäche oder ein Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom, macht Nachhilfe keinen Sinn. Dann muss es speziell gefördert werden.
Wer Nachhilfe für sinnvoll hält, muss sich zwischen einem Nachhilfeinstitut und einem privaten Lehrer entscheiden. Privatunterricht hat viele Vorteile, denn der Lehrer kann das Kind individueller und intensiver betreuen und bei Unzufriedenheit kann der Lehrer schnell wieder vor die Türe gesetzt werden. Unbedingt sollte beachtet werden, dass die Chemie zwischen Privatlehrer und Schüler stimmt. Das Kind muss den Lehrer mögen, und dieser muss fachlich kompetent und in der Lage sein, das Kind zu motivieren. Nachhilfeinstitute bieten Einzel-Unterricht und Gruppenbetreuung an. Eltern müssenmeist einen Vertrag mit einer Mindestlaufzeit abschließen. Gruppenbetreuung ist zwar preisgünstiger als Einzelnachhilfe und beides hat Vor- und Nachteile. Zwar ist Einzelnachhilfe meist individueller und intensiver, aber es gibt auch Kinder, die lieber mit Gleichgesinnten in einer Gruppe lernen. Die Entscheidung ist oft auch eine Kostenfrage, denn der Unterricht in der Gruppe ist immer preiswerter zu haben als die Einzelnachhilfe. Nach Meinung von Experten sind die eigenen Eltern als Nachhilfelehrer ungeeignet, denn ihnen fehlt der emotionale Abstand. Ungeduld und Strenge können sich hemmend auswirken und ein ansonsten gutes Verhältnis zwischen Eltern und Kindern kann dadurch getrübt werden. Auch Geschwister sind hier meist wenig hilfreich, da ebenfalls zu viele persönliche Emotionen ins Spiel kommen können.
Die Angebote an Nachhilfeinstitutionen sind unüberschaubar, denn jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann heute seine pädagogischen Dienste anbieten und ein Nachhilfeinstitut eröffnen. Meist müssen Eltern nach Gefühl entscheiden, wem sie ihre Kinder anvertrauen. Wichtig ist, dass man den Kontakt zum Lehrer oder zur Institution aufrecht erhält.
Das deutsche Nachhilfeinstitut Keep School! bietet SchülerInnen auch kostenlose Unterrichtsmaterialien sowie ein Handbuch für Lehrkräfte an.
Wenn sich Eltern treffen und über ihre Kinder sprechen, dann kaum über schlechte Noten oder Probleme, sondern sie brichten am liebsten über positive Ereignisse und Erfolge ihrer Sprösslinge. Aber gerade der Erfahrungsaustausch über nicht so Gelungenes, auch wenn er nicht angenehm ist, könnte für Eltern sehr hilfreich sein. Wie hat man das Problem gelöst, wenn es um schlechte Leistungen in der Schule geht? Kann man einen guten Nachhilfelehrer empfehlen oder wie gut ist ein bestimmtes Nachhilfeinstitut? Empfiehlt sich eher der Einzelunterricht zu Hause oder doch eher das Lernen in einer kleinen Gruppe? Hat man mit einem bestimmten Nachhilfeinstitut gute oder schlechte Erfahrungen gemacht?
Siehe auch: Worauf Eltern bei der Auswahl der Nachhilfe achten sollten und die Checklisten für die Nachhilfe
Ein guter Nachhilfelehrer wird den Kontakt zur Schule suchen, um sich dort über Leistungsstand, Defizite und Lernstoff zu informieren. Man sollte unbedingt verschiedene Institute vergleichen, sich vor Ort ein Bild machen und eine Probestunde vereinbaren. Ein gutes Institut testet vor Beginn der Nachhilfe das Leistunvermögen des Kindes, steht in ständigem Kontakt zur Schule und arbeitet mit den vergleichbaren Lehrmitteln. Ein Institut sollte auch den Eltern klar machen können, weiche Lehrmethoden es anwendet. Wichtig sind auch die Räumlichkeiten des Nachhilfeinstitutes, die hell und freundlich gestaltet sowie dem Lernen angemessen eingerichtet sein sollten. Empfehlenswert sind seriöse Institute, die nur Verträge mit kurzen Laufzeiten abschließen. Ideal ist es, wenn der Vertrag monatlich kündbar ist. Seriöse Anbieter geben Interessenten "das Kleingedruckte" mit nach Hause, damit diese die Verträge in aller Ruhe studieren können.
Übrigens sieht es sogar das Gesetz bei Scheidungskindern vor, dass bei unvorhergesehenen außerordentlichen Bedürfnissen eines Kindes die Eltern verpflichtet werden können, einen außerordentlichen Beitrag für eine Nachhilfe zu leisten, was aber nur für einmalige oder zeitlich begrenzte Ausgaben zutrifft, die nicht durch die normalen Unterhaltszahlungen gedeckt werden können. Kosten für eine Nachhilfe sind aber in der Regel durch Alimente nicht abgegolten. Welchen Betrag der Vater oder die Mutter zu übernehmen hat, hängt vom Einkommen beider Eltern ab. Ist es sowohl dem erziehenden Elternteil als auch dem alimentierenden Elternteil finanziell zumutbar, einen Beitrag für den Nachhilfeunterricht zu leisten, sind die Anteile proportional zur Leistungsfähigkeit zu berechnen.
In der Zeit des Internets wird natürlich auch Nachhilfe online angeboten, bei deren Auswahl aber einige Aspekte beachtet werden sollten: Der Computer muss die nötigen technischen Voraussetzungen aufweisen, um etwa an einem Nachhilfe-Chat teilnehmen zu können. Die passende Software sollte ebenfalls vorhanden und installiert sein. Preislich liegen die Online-Nachhilfe-Angebote im gleichen Bereich wie die meisten "realen" Institute. Vorteile sind die zeitliche und örtliche Flexibilität, denn es entfallen An- und Rückfahrszeiten. SchülerInnen können je nach Zeitplan und Vereinbarung mit den NachhilfelehrerInnen auch außerhalb einer fixierten Zeit in Kontakt treten. Es gibt auch weniger Berührungsängste, da man keinem realen Menschen gegenübersitzt, dem man seine eigenen Schwächen eingestehen muss. Allerdings verlangt das selbständige Arbeiten mehr Disziplin, sodass die notwendige Reife des Kindes beachtet werden sollte. Günstig wäre aus psychologischer Sicht eine Art Blended-Learning, wie das im Bereich des E-Learning üblich ist - siehe dazu die Arbeitsblätter eLearning, E-Learning, Blended Learning der Autoren der Lerntipps.
Felix Donhöfner und Christian Grün haben 2010 eine Website entwickelt, auf der sie kostenlos häufig nachgefragte Aufgabenstellungen aus Mathematik und Physik in kurzen Videos erklären: http://www.mathehilfe.biz Auch Wunschaufgaben können gestellt werden, deren Lösung dann als Video online gestellt werden. Für Familien mit geringem Einkommen aber auch zur Wiederholung des Schulstoffes könnte diese Seite eine willkommene Hilfe darstellen. Die beiden bieten auch private online Nachhilfe an.
Bei Nachprüfungen ist die Arbeit mit einem erfahrenen Nachhilfelehrer ist in jedem Falle sinnvoll. Das kann ein professioneller Nachhilfelehrer eines zuverlässigen Instituts sein, aber auch ein Abiturient oder ein Student. Wichtig ist: Es muss ein Lehrer sein, der den Stoff verständlich vermitteln kann, wie er im Lehrbuch steht und im Unterricht durchgenommen wurde. Alles andere verwirrt nur zusätzlich. Siehe dazu den Lerntipp Nachprüfung, Wiederholungsprüfung - Was können Eltern tun?
Internationale Spitzenreiter bei der Nachhilfe sind asiatische Staaten wie Korea und Japan, wo rund 50 bis 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler bis zur Sekundarstufe II nach der Schule in privaten Einrichtungen Nachhilfe nehmen. In England, Österreich und Polen wird Nachhilfe in ähnlichem Umfang wie in Deutschland genutzt. Andererseits hat in einigen Ländern wie beispielsweise Kanada oder den Niederlanden private Nachhilfe so gut wie keine Bedeutung. Eine internationale Tendenz ist, dass Schülerinnen und Schüler heute Nachhilfe weniger aus Angst vor schulischem Scheitern nutzen, sondern vielmehr zur Notenverbesserung, als Mittel zur Verschaffung eines individuellen Wettbewerbsvorteils.
Ein Gutachten des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FIBS) in der BRD zeigte, dass derzeit jeder achte bis zehnte Schüler in Deutschland Nachhilfe nimmt, in den Sekundarstufen I und II jeder Vierte. Jeder dritte bis vierte Schüler hat während der Schullaufbahn Nachhilfe genommen. In den alten Bundesländern nutzen Gymnasiasten und Realschüler am häufigsten Nachhilfe, in den neuen Bundesländern sind es eher Hauptschüler. Die Mehrheit der Nachhilfeschülerinnen und -schüler ist zwischen 12 und 16 Jahren alt. Nachhilfe wird nach wie vor insbesondere in Mathematik, Englisch oder anderen Fremdsprachen und Deutsch genommen. Hohe Nachhilfequoten für das Fach Deutsch gibt es vor allem in den Grund- und Hauptschulen. Zudem nehmen Jungen häufiger als Mädchen Nachhilfe im Fach Deutsch. Umgekehrt verhält es sich für das Fach Mathematik.
Schüler aus einkommensstärkeren Familien sind unter den Nachhilfeschülern überrepräsentiert, während Kinder des untersten Einkommensquartils deutlich seltener Nachhilfe nehmen. Auffallend sind dabei die Unterschiede hinsichtlich des Bildungshintergrunds der Eltern: So scheint die Häufigkeit der Inanspruchnahme von organisierter Nachhilfe in Westdeutschland mit dem Bildungsniveau der Eltern abzunehmen, während sich in den neuen Ländern keine solchen Differenzen abzeichnen. Wenige große, bundesweit tätige Anbieter stehen einer Vielzahl regionaler und lokaler Anbieter gegenüber, die eines gemeinsam haben: Es gibt kaum Informationen über die Qualifikation der beschäftigten Lehrkräfte, auch wenn mit einer hohen Professionalität des Unterrichts geworben wird. Zwar steigt die Zahl der Zertifizierungsmaßnahmen, aber die Verfahren sind sehr verschieden und nicht aufeinander abgestimmt; einheitliche Qualitätsstandards gibt es nicht. Insbesondere fehlt eine Überprüfung der pädagogischen Inhalte, da der Nachhilfesektor nicht der Schulaufsicht unterstellt ist.
Experten kalkulieren einen maximalen Zeitraum von sechs Monaten, da Nachhilfe nicht zu einer Dauerlösung mutieren sollte. Nach einer Studie aus dem Jahr 2008 wird Nachhilfe meist 12 Monate und mehr genutzt. Mögliche Ursachen nennt Ulrich von Scheel in seinem Weblog, die ich hier verkürzend zusammenfasse:
Literatur & Quellen:
http://www.wdr.de/radio/schulportal2007/ratgeber/archiv/nachpruefung_strategien/index.phtml (08-05-01)http://nachhilfe.edublogs.org/2009/10/05/nachhilfe-keine-dauerloesung/ (09-09-09)
Dohmen, Dieter, Erbes, Annegret, Fuchs, Kathrin & Günzel, Juliane (2008). Was wissen wir über Nachhilfe? Sachstand und Auswertung der Forschungsliteratur zu Angebot, Nachfrage und Wirkungen. FiBS-Schriften zur Bildungs- und Sozialökonomie. Berlin: W. Bertelsmann Verlag.
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