Tipps für Eltern von Schülerinnen und Schülern


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Lesen lernen

Im Allgemeinen werden Kinder frühestens im Alter von fünf Jahren mit ersten Leseerfahrungen konfrontiert, meist in ihrem letzten Jahr im Kindergarten, aber oft auch erst mit Beginn der Schulzeit, also mit sechs bis sieben Jahren. Kinder besitzen allerdings schon vor dem Vorschulalter ein gewisses Verständnis davon, dass geschriebene Wörter anders als etwa Zeichnungen spezifische Ausdrücke repräsentieren, sodass das Wissen von kleinen Kindern über den Sinn des geschriebenen Worts oft schon hoch entwickelt ist. Vermutlich sind es Eltern, die mit ihren Kindern auf eine andere Weise über Zeichnungen als über Texte oder schriftliche Unterlagen sprechen, d. h., sie zeigen ihren Kindern im Alltag, dass Schrift etwas Besonderes ist.

Die Methode Lesen durch Schreiben wurde in den 1970er Jahren von Jürgen Reichen für den muttersprachlichen Primarschulbereich entwickelt und ist als Gegenentwurf zur Fibelmethode zu betrachten. Wurde bei der Fibelmethode insbesondere die Vermittlung der einzelnen Buchstaben im Hinblick auf das schrittweise Lesenlernen favorisiert, aus dem sich dann der Schrifterwerb entwickeln sollte, geht diese Methode den umgekehrten Weg. Die Schüler sollen primär befähigt werden, jedes beliebige Wort in seine Lautkomponenten zu zerlegen und sie phonetisch vollständig aufzuschreiben, wobei orthographische Korrektheit zunächst nicht im Vordergrund steht. Im Gegensatz zum herkömmlichen Fibelunterricht sind die Kinder demnach von Beginn an in der Lage, Wörter und auch Sätze aufzuschreiben, wobei als zentrales Hilfsmittel dabei eine Anlaut- oder auch Buchstabentabelle dient. Nach Reichen soll sich aus der Fähigkeit zu schreiben die Fähigkeit zum Lesen ohne ein direktes Lehren entwickeln.

Ellen Aschermann (Universität zu Köln) sagt in einem Interview, dass 90 Prozent aller Kinder relativ unabhängig von der benutzten Methode innerhalb von zwei Jahren lesen lernen. Dabei sind drei zentrale Faktoren für das Lesen- und Schreibenlernen wichtig sind:

Die phonologische Bewusstheit, also die Kompetenz, Laute zu erkennen, zu unterscheiden und zu analysieren, doch auch das allgemeine Sprachverständnis - Wortschatz, Satzbau - ist fürs Lesenlernen wichtig, denn je ausgeprägter das Sprachverständnis ist, desto leichter fällt es Kindern, den Begriff einer Sache oder einer Handlung nachzuvollziehen. Lesenlernen hat auch viel mit Wiederholungen und kleinen Variationen zu tun, die zur Automatisierung führen, denn Automatisierung entlastet das Arbeitsgedächtnis. Unabhängig von der Leselern-Methode sind es diese drei Faktoren, die den Lernprozess erleichtern oder behindern können. Kinder, die wenig Erfahrung mit Sprache, Rhythmus und Lautlichkeit haben, werden sich bei Methoden, die primär auf selbstständigem Entdecken der Regeln beruhen, schwerer tun. Im Deutschen sind d und t oder g und k oft schwer zu unterscheiden, d.h., Kinder müssen lernen, dass Wörter aus Silben und Silben aus Lauten aufgebaut sind und Wörter manchmal anders klingen als sie geschrieben werden. Das kann Kinder, deren phonologische Bewusstheit gering ist, überfordern, sie können schlechter Reime bilden oder Silben klatschen und kommen mit einer Methode, die das schon voraussetzt, nicht zurecht.

Nach Aschermann funktionieren analytisch-synthetische Methoden, wie Fibellehrgänge und Erkennwörter, die relativ weit verbreitet sind ganz gut. Zudem wird mit Anlauttabellen aus Buchstaben und Bildern gearbeitet, was eine sehr freie Methode ist, die den produktiven Aspekt des Schreibens herausstellt, d.h., Kinder finden über den Klang eines Wortes heraus, welche Buchstaben zum Schreiben eines Wortes erforderlich sind. Allerdings erleichtert das Schreiben nach Hören nicht die orthografische Regelerkennung, zumal Buchstaben im Wort oft anders klingen, als am Anfang. Die Fibelmethode hingegen ist systematisch aufgebaut und arbeitet mit sehr eindeutigen Laut-Buchstaben-Verbindungen, wobei aber manche Kinder, wenn sie eine Geschichte schreiben wollen, eine Diskrepanz erleben zwischen dem, was sie ausdrücken können, und dem, was sie wollen. Wenn Kinder aber einmal etwas falsch gelernt haben, ist es schwierig, dies umzulernen, denn eine Automatisierung findet immer statt, wenn man etwas häufiger macht, gleichgültig ob es "richtig" oder "falsch" ist. Eltern können die phonologische Bewusstheit durch Sprachspiele zu üben, etwa durch Reime wie "Hoppe, hoppe, Reiter", die ergänzt werden, und Silbentrennung wie "Ka-ta-ri-na". Es ist auch sinnvoll zu sagen: "Guck mal, ich schreibe das so". Man sollte auch nicht alles auf einmal verbessern, sondern viel stärker auf die Wörter achten, die das Kind schon richtig schreibt. Und dann: lesen, vorlesen, reden, mit Sprache spielen, das sind ganz wichtige Übungsmöglichkeiten auch in der Grundschule.

Manche Experten sind auch der Ansicht, dass man beim Lesenlernen auch die Frage nach der Arbeitsteilung der beiden Gehirnhälften berücksichtigen sollte. Seit Jahrzehnten konkurrieren bekanntlich die "ganzheitliche" Methode, bei der die SchülerInnen die Wörter im Ganzen erfassen sollen, und die synthetische Methode, bei der sie sich Buchstabe für Buchstabe erarbeiten. Vermutlich liegt die ganzheitliche Methode eher jenen SchülerInnen, in deren Denken die rechte Hemisphäre dominiert, während die synthetische Methode eher den SchülerInnen mit einer dominanten linken Hemisphäre entspricht, sodass man im Leseunterricht beide Methoden verwenden und sie jedem Schüler individuell anpassen sollte.

Psychologische Aspekte

Zwar macht es vorliegenden Schuluntersuchungen zufolge keinen großen Unterschied, welche Lernmethode beim Lesenlernen angewendet wird, denn Ende der vierten Klasse haben sich alle Unterschiede mehr oder minder nivelliert, aber aus psychologischer Sicht ist es doch eher fragwürdig, denn für viele Kinder ist es dann schwer nachzuvollziehen, warum es plötzlich doch Rechtschreibregeln gibt. Das ist ein erhöhter Lernaufwand und den Kindern nur schwer zu vermitteln, sodass aus dieser Perspektive eher weniger Vorteile bei einer Methode liegen, die den Kindern am Anfang zwar viel Freiheit gibt, aber diese Freiheit später notwendigerweise wieder einschränkt. Die Schwierigkeit für die LehrerInnen liegt auch darin, in einer leistungsinhomogenen Klasse den Übergang vom freien zum regelkonformen Schreiben hinzubekommen, denn spätestens im zweiten Schuljahr muss begonnen werden, orthografische Prinzipien zu vermitteln.


Ellen Aschermann ist Professorin für Pädagogische Psychologie im Department Psychologie der Universität zu Köln.

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Quellen

Interview mit ellen Aschermann im Generalanzeiger Bonn
WWW: http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=news&itemid=10028&detailid=782498 (10-09-07)
http://herder.philol.uni-leipzig.de/projekte/alpha/frames/main5.3.htm (14.08-11)


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